Donnerstag, 16. September 2010

Die Zeit steht still

Es ist stockdunkel, ich sitze über meinen Schreibtisch gebeugt. In vier Stunden muss ich bereits wieder aufstehen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur mein Spiegelbild, das mich müde ansieht. Dann kann es passieren, dass meine Fantasie wieder mit mir durchgeht. Und zwar immer auf die gleiche Art:

Ich stelle mir vor, dass die Welt stehen bleibt. Alle fallen in einen tiefen Schlaf, atmen weiter, bekommen nichts mehr mit. Ein bisschen wie in Dornröschen. Nur ich allein kann mich auf eine nächtliche Reise begeben. Ich setze mich ins Auto. Alles scheint möglich zu sein.
Doch ich habe nur ein Ziel. Auf der Landstraße biege ich rechts ab. Ich muss vorsichtig um alle anderen Autos, die mitten auf der Straße stehen geblieben sind, herumfahren. Die Menschen in den Autos schlafen friedlich. Die Straße führt mich durch mehrere Ortschaften. Der Weg zu dir ist nicht lang, aber ich komme nur langsam vorwärts. Ich biege von der Hauptstraße links ab und fahre durch das kleine Dorf mit den vielen Bauernhöfen. Rechts, links, rechts, bis ich vor deinem Haus stehe. Den Weg kenne ich im Schlaf, auch wenn ich ihn nur zweimal gefahren bin. Ich stelle den Motor aus und kurbele das Fenster herunter. Die kalte Luft lässt mich schauern. Ich atme tief durch, versuche die Anspannung loszuwerden, und steige aus dem Auto.

Ich drehe am Knauf der Haustür, die Tür springt mit einem leisen Klacken auf. Ich trete ein und schließe die Tür hinter mir. Mir steigt sofort dein wohlbekannter Geruch in die Nase. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Ich stehe in deinem Flur, vor mir die Korbstühle mit dem schönen, verschlungenen Tisch in der Mitte. Rechts von mir zwei Türen: die eine führt ins Gästebad, in dem über dem Waschtisch dein Lieblingsgedicht von Hilde Domin hängt, die zweite Tür führt in die Küche. Erinnerst du dich an unser gemeinsames Kochen? Erinnerst du dich daran, dass ich Kräuter in deinem Garten entdeckte, von denen du selbst nicht wusstest, dass sie dort stehen?
Erinnerst du dich an das wunderschöne Glas, das zerschlug, und die Scherben, die sich auf den Küchenfliesen verteilten? Du lachtest nur. „Davon habe ich bestimmt noch zwanzig“, sagtest du bloß.
Links von mir die Treppe, die ins Obergeschoss führt und in den Keller, in dem du die Bücher hortest, die nicht in die Regale passen.
Ich gehe an Korbstühlen und Tisch vorbei und stehe vor der Tür, die ins Wohnzimmer führt. Im Wohnzimmer schalte ich die kleine, kunstvoll gearbeitete Lampe ein, die warmes, schummriges Licht in den Raum wirft.

Ich staune darüber, wie gut meine Erinnerung ist. Alles ist noch genauso wie an diesem wunderbaren Wochenende, das nun schon so lange zurückliegt. Die Regale an den Wänden, voll mit Büchern und Teekannen und Teedosen, die du sammelst, das alte Klavier, das so schrecklich verstimmt ist, der Esstisch und die dazu passenden Stühle, für die du durch ganz Deutschland gereist bist, die Leseecke mit den gemütlichen Sesseln, die fuchsiafarbenen Vorhänge, deine Kunst an den Wänden. Es gibt keinen Raum, in dem ich lieber ein Leben lang eingesperrt wäre. Ich lasse meinen Blick schweifen und entdecke auf einem der Lesesessel ein Buch. John von Düffel, ich muss lachen. Es gehört eindeutig dir.

Ich knipse das Licht wieder aus und schließe die Wohnzimmertür hinter mir. Mein Weg führt zur Treppe, die ich ohne ein Geräusch emporsteige. Vom Gang, der vor mir liegt, gehen vier Türen ab. Hinten links, das ist das Schlafzimmer. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich die Tür öffne.
Da liegst du, in weißen Betten, von denen ich weiß, dass deine Mutter sie vor vielen, vielen Jahren bestickt hat.

Die Dämmerung setzt ein.

Deine kurzen Locken umrahmen dein Gesicht, das im Schlaf so friedlich aussieht. Ich setze mich auf die Bettkante. Ruhig atmest du ein und aus.
Deine Hände schauen unter der Decke hervor. Deine schönen Hände und die zarten Unterarme.
Ab und zu regt sich etwas in deinem Gesicht. Es wird ernst, dann entspannt es sich wieder. Deine Lippen deuten ein zartes Lächeln an. Dafür kannst du nichts, das sind deine schönen Mundwinkel, die immer ein Stück nach oben zeigen.
Was deine blauen Augen hinter den geschlossenen Lidern jetzt wohl sehen?
Ich wünschte, ich könnte für immer hier sitzen.

Mittwoch, 25. August 2010

Fallen


Heute bin ich aus dem Rahmen gefallen. Und du aus der Rolle.
Du hast mich aus dem Rahmen fallen lassen, du beugtest dich zu mir und sagtest: "Bei mir gibt es viele Faulpelze."
Du hast mich aus der grauen Masse gezogen.
Du wusstest, ich würde dich verstehen.

Du bist aus der Rolle gefallen, weil du für fünfzig Minuten deine Korrektheit vergessen hast.

Fünfzig Minuten, in denen dir alles egal ist, in denen du ein so großes Risiko eingehst.
Fünfzig Minuten, in denen du ein Stückchen Zucker auf dem Milchschaum deines Cappucinos zerbröselst. Du hast die Angewohnheit, jede Sache dir zu eigen zu machen, ihr etwas Besonderes zu verleihen.
Fünzig Minuten, in denen du nachdenkst, und über deine eigenen Gedanken lachst.
Fünfzig Minuten sind wertvoll.

Im Hinterkopf habe ich die Worte eines Mädchens, das keine Ahnung hat.

"Darf man das?"



Ich sehe die Tasse vor mir, zerkrümelter Zucker, rote Spuren am Rand.

-Ja, man darf.

Dienstag, 17. August 2010

Dienstage mag ich nicht.

"Dienstage mag ich nicht", sage ich und verziehe das Gesicht.
Sie nickt zustimmend und ich bin irritiert.
Achja, natürlich. Ihr wisst alle, warum. Weil Dienstag direkt nach Montag kommt, weil an Dienstagen besonders viel gelernt werden muss und die Fächer zu wünschen übrig lassen.
Ihr wisst nichts.
Die Frau mit den langen dunklen Haaren, durch die ich gerne einmal fahren würde, erklärt mit übertrieben brtitischem Akzent, darling, stilistische Mittel, während ich gedankenverloren die Dienstagmorgenzeichnung unter meine Hausarbeit platziere.
Dann richte ich meine Aufmerksamkeit gütig auf den mir vorgelegten Text. Ich weiß, dass sie mich jetzt aus den Augenwinkeln beobachtet. Das macht sie immer.
Wie soll ich diesen Tag nur überstehen?
Von allen Seiten wird auf mich eingeredet, das ist dienstags am schlimmsten.
"Würdest du dich kurz von deinem Innenleben trennen und mir zuhören?"
Ich blicke auf. Das Mädchen lächelt, streift meine Hand und fängt an zu reden.
Ich nicke und schalte ab.
Dienstags kann ich Gesten nicht deuten.

Dienstags hat sie keinen Unterricht.
Dienstags kann ich ihren Nacken nicht unverstohlen anstarren.

Montag, 16. August 2010

Teufelskerl

An deiner Jacke klebt ein Leben lang das Preisschild
in deinem Hut steht nicht dein Name sondern keiner
deine Schuhe sind zu klein
und sie laufen auch noch ein
und dein Schirm ist so zerfetzt wie selten einer

Wenn man dich anspricht fällst du jedesmal ins Stottern
du weißt nie Auskunft ganz egal was man dich fragt
du gehst seitlich abgeknickt
mancher hält dich für verrückt
du vergißt Befehle eh sie jemand sagt

Doch wenn die Bilder kommen fängst du an zu wachsen
wenn die Geschichten blühen wirst du ganz ihr Beet
aus unsichtbaren Lehm kannst du
uns Märchenschlösser kneten
du Teufelskerl
beim Barte des Propheten

Du würdest alles tun für undankbare Freunde
du bist so einsam daß du deinen Nabel kaust
doch du öffnest nie die Tür
es ist wunderlich bei dir
niemand würde glauben wie du wirklich haust

Für deine Gabe kannst du dir nichts Feistes kaufen
was dir gehört ist so verwegen wie die Luft
deinesgleichen fällt zum Opfer
dem Geschmeiß der Sprücheklopfer
wenn du ausstirbst fehlt der ganzen Welt der Duft

Doch wenn die Stimmen flüstern wird dein Ohr zum Flügel
dein alter Teppich ja dein ganzes Zimmer fliegt
und das was kaum zu fassen ist
klingt schöner noch als Beten
du Teufelskerl
beim Barte des Propheten

Doch wenn die Bilder kommen fängst du an zu wachsen
wenn die Geschichten blühen wirst du ganz ihr Beet
aus unsichtbaren Lehm kannst du
uns Märchenschlösser kneten
du Teufelskerl
beim Barte des Propheten

Herman van Veen, Teufelskerl